30.05.2009 von Redakteur

Wer steckt dahinter?

Eine Fälscherbande in Polen

In Berlin fällt es selbst Touristen jeden Tag auf. Vietnamesen, die irgendwo an einem Supermarkt oder einer U-Bahnstation stehen, um gefälschte und geschmuggelte Zigaretten zu verkaufen.

Billig, natürlich!

 

Im Ruhrgebiet z.B. findet man im Straßenbild diese sichtbaren Vertreter einer langen Schmugglerkette nicht. Hier werden diese billigen Zigaretten beim Nachbarn gekauft oder in der Stammkneipe, im Verein oder halt im Lager der Firma, in der man arbeitet. Gekauft, geraucht und somit  Steuern hinterzogen und die eigene Gesundheit doppelt geschädigt wird auf alle Fälle, ob nun in Berlin, oder Bochum, in Hamburg oder München!

Die „billige“ (illegale) Zigarette ist Bestandteil des deutschen Tabakmarktes geworden.

Schätzungen sagen, das jede vierte, mindestens jedoch jede fünfte Zigarette in Deutschland unversteuert konsumiert wird. Bei einem Gesamtmarkt von mehr als 100 Mrd. Zigaretten ist das eine immense Menge, immerhin mindestens 20 Mrd. Stück.

Nun gut, werden jetzt einige sagen, da sind ja auch die legal in Polen oder Tschechien gekauften dabei, oder die aus dem Duty-Free-Shop am Flughafen. Ja, und einige Schätzungen meinen, dass dies ungefähr 3 Mrd. Zigaretten ausmachen könnte. Aber selbst wenn wir diese 3 Mrd. Stück von den restlichen 20 Mrd. abziehen, verbleibt immer noch 17 Mrd. mal steuerfreier Zigarettenrauch. Starker Tobak!

 

Thinkstep.de hat den Fall einer illegalen Zigarettenproduktion in Polen und deren Vertriebswege nach Deutschland und Westeuropa recherchieren können.

 

Unsere Quellen informierten uns bereits vor einigen Wochen über einen Transport von Türkischem Rohtabak (tobacco leaf – die Red.) aus der Türkei über die Ukraine nach Polen. Hier, nahe der Stadt Lublin im östlichen Teil des Landes, lagerte der Tabak für zweieinhalb Wochen in einer alten Remise eines verfallenen Bauernhofes.

Es dauerte knapp vier Wochen und es erschien wieder ein LKW an diesem Bauernhof. Dieses mal wurden ca. 2 Tonnen des wichtigen Ausgangsstoffes zur Herstellung von Zigaretten abgeladen. Somit befanden sich bereits 3,5 Tonnen Rohtabak in diesem Lager. Diese Menge ist ausreichen zur Herstellung von fast 3,5 Mio. Glimmstengel.

Als dann der dritte Transport, ebenfalls aus der Ukraine kommend, mit ca. 600 kg erschien wurden zwei Herren aus dem „Fashion Club“ in Lublin aktiv. Sie begaben sich zur alten Remise und organisierten den Weitertransport mit einem Polnischen LKW von nunmehr 4,1 Tonnen Tabak nach Bedzina. Aber auch in Bedzina wurde der Tabak nur zwischengelagert. Allem Anschein nach sollte es noch weitergehen.

Dann, am 28. April diesen Jahres, wurde der Tabak auf einen LKW der Firma „JMS xxxx Sp. Z o. o.“ (Name der Firma geändert - die Red.) verladen und weiter ging die Reise bis nach Kuznica Piaskowa, ca. 21 nördlich von Katowice.

Auf einem ziemlich unübersichtlichem Grundstück waren verschiedenen alte und neue Gebäude kombiniert. Obwohl es sehr schwierig war, zu erkennen, wo der LKW entladen wurde, gelang uns dies. In sehr kurzer Zeit waren die 200-kg-Kartons vom LKW verschwunden und in einem Schuppen, direkt neben einem Werkstattgebäude, verstaut.

Mittlerweile hatte der Polnische CBS das Grundstück umstellt und bereitete sich, gut gedeckt, auf den Zugriff vor.  Dann fuhr ein weiteres Fahrzeug auf das Grundstück und die beiden männlichen Insassen gingen ebenfalls in das Werkstattgebäude.

Nun starteten die Polnischen Beamten ihren Zugriff.

In einer kurzen aber heftigen Auseinandersetzung bei der die Schußwaffen jedoch schwiegen wurden die Insassen der Gebäude überwältigt.

Es handelte sich dabei um sieben ukrainische Arbeiter, welche die Maschinen der illegalen Fabrik bedienten und weitere fünf polnische Staatsbürger, die wohl mehr mit dem Geld und der Organisation der Produktion zu tun hatten.

Krysztof B., Rafal S., Pawel K.,Lukasz D. und Adrzej O. hatten keinerlei Erklärungen für ihre Anwesenheit.

Außerdem fanden die Beamten 8,5 Mio. gefälschte Zigaretten verschiedener Marken.

So zum Beispiel Marlboro und L&M. Erstaunlich war die Tatsache, daß selbst die in Deutschland illegal verkaufte Zigarettenmarke Jin Ling unter den Fälschungen zu finden war. Hier wurde also selbst eine sogenannte Illicit White gefälscht (Illicit White - Zigarettenmarke, die im Verkaufsland keine Markenzulassung besitzt und für die auch keinerlei Steuern abgeführt wird – die Red.).

Im angrenzenden Schuppen fanden die Ermittler auch noch 22 Tonnen Rohtabak ausreichend für die Produktion von weiteren 22 Mio. illegalen Zigaretten.

Allein beim Verkauf dieser beschlagnahmten Menge von mehr als 30 Mio. Einheiten würde ein Steuerschaden in den Bestimmungsländern, wie z.B. Deutschland, von mehr als 6 Mio. Euro entstehen.

Ein guter Fang“, bestätigte mir der verantwortliche Beamte des CBS, „drei Container weniger auf dem Schwarzmarkt!“.

 

Aber eigentlich interessierte uns mehr der Personenkreis, welcher hinter dieser Fabrik und womöglich hinter einigen weiteren in Polen steht.

Denn eine Produktionsanlage dieser Größenordnung bedarf natürlich auch einiger „Investitionen“.

Maschinen müssen bestellt und gekauft werden und neben dem Tabak benötigt man weitere Komponenten, um Zigaretten herstellen zu können. Filter, Zigarettenpapier und natürlich auch die Verpackungen. Das kostet erst einmal alles Geld. Insider bestätigen, dass, je nachdem welcher Maschinenpark zum Einsatz kommt, ein Volumen von 100 bis 500 Tausend Euro notwendig ist, um eine illegale Produktion aufzubauen.

Sicher, wenn diese Produktion dann in Betrieb und der Absatz der Fälschungen gut organisiert ist, dann hätten diese in Kuznica beschlagnahmten 30 Mio. Zigaretteneinheiten in Deutschland eine Verkaufswert von ca. 3 Mio. Euro auf dem Schwarzen Markt gehabt. Der Inhaber und Finanzier dieser Fabrik hätte also mit ca. 1,8 Mio. Euro „Einnahmen“ rechnen können.

D.h. nach nur einer Woche Produktion nicht nur Break Even, sondern ein Reingewinn vom mehr als 1,3 Mio. Euro!

Wir machten uns also auf den Weg, um die Herren dahinter zu finden. Aber dies im Teil 2.

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